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Samstag, 20. Januar 2018

Sonntagskolumne, Helga König, 21.1.2018

Lebe so 
Als seien
Alle Tage 
Alle Stunden 
Geschenkte Zeit 
Tage 
Und Stunden 
Die du 
Zusätzlich 
Zu deiner Lebenszeit
Bekommen hast
Jeder Tag
Jede Stunde 
Ist 
Einmalig 
(Dr. Wunibald Müller) 

Diesen gedanklichen Impuls von Dr. Wunibald Müller twitterte ich heute Morgen. Er ist eine der vielen klugen Sentenzen des Tischaufstellers "Lebe jetzt, lebe heute", den ich gestern rezensiert habe und der sich sehr gut für eine kleine Meditation eignet. 

Was wäre, wenn wir zu Anfang unseres Lebens bereits wüssten, wie viele Jahre uns ganz konkret individuell zugemessen sind und was, wenn uns am Ende dann plötzlich noch einige Monate oder gar Jahre- ohne Begründung- hinzu gegeben werden würden? 

Würden wir dann die Zeit damit verbringen über Verteilungsungerechtigkeit zu lamentieren, wenn wir sehen, dass andere vielleicht mehr Lebenszeit zu Verfügung gestellt bekommen haben oder dass Einigen sogar  noch 20 oder 30 Jahre bei bester Gesundheit oben drauf gepackt wurden? 

Hätten wir, wenn uns nur knappe Zeit zugebilligt worden wäre, etwa wie dem Dichter Georg Büchner, der nur 23 Jahre alt wurde oder der Sängerin Janis Joplin, die im Alter von nur 27 Jahren verstarb, versucht, unsere Begabungen rasch auszuloten, um sie völlig intensiv zu leben und auf diese Weise ganz aus unserer Mitte heraus, jeden Tag als Geschenk zu genießen oder hätten wir sie wie ein Oblomow verplempert? 

Hätten wir plötzlich erkannt, dass Selbstdarstellung, auch pausenloses Vergleichen mit anderen uns nur kostbare Zeit für die Entdeckung und das Bestaunen der Welt raubt? 

Hätten wir viel nachhaltiger gefragt, was uns Menschen wirklich Freude bereitet? 

Vor einigen Jahren sah ich in Brügge eine alte Frau, die in ihre hochkomplizierten Klöppelarbeiten versunken war. Obgleich sie sich sehr konzentrieren musste, war ihr Gesichtsausdruck entspannt. Sie war eine Künstlerin auf ihrem Gebiet. Es bereitete Freude, ihre Arbeiten zu bewundern. Ohne Eitelkeit ließ sie dies auch lächelnd zu. Für Menschen wie sie spielt Zeit offenbar keine Rolle. 

Der Zeit zu entkommen, ist nur möglich, indem man seine Begabungen lebt, gleichgültig in welchem Metier oder aber, indem man die Welt in ihrer Vielfalt neidlos bestaunt, vor allem auch, indem man sich positiv in Gemeinschaften einbringt. Stunden mit anderen werden dann als glücklich empfunden, wenn sie harmonisch verlaufen. 

Je älter man wird und je mehr man fühlt, dass die Lebensuhr nicht ewig ticken kann, umso weniger ist man bereit, sich  in unergiebige Auseinandersetzungen verwickeln zu lassen, umso mehr schotten sich Menschen, die sich ihrer Endlichkeit bewusst werden, von Streitsüchtigen ab, wenn es irgend möglich ist. 

Jene, die sich ihrer Endlichkeit nicht bewusst werden, sogar der fixen Idee verfallen, sie könnten ewig leben, sind oft bis zum Ende ihrer Tage taktlos, unhöflich, mitunter sogar überaus beleidigend, weil sie nicht aus ihrer Mitte heraus leben. 

Sobald wir jede Stunde als einmalig begreifen, vertun wir sie nicht  durch sinnentleertes Handeln, sondern verstehen, dass es uns weit mehr gibt, einer Blume beim Wachsen zuzuschauen oder was auch immer zu gestalten, als sich auf Dinge einzulassen, die nichts als Spannung und Verdruss erzeugen. 

Sobald wir alle Tage dazu beitragen, Freude in die Welt zu bringen, wird uns das größte Geschenk, das wir bekommen können, zuteil: Innere Zufriedenheit.

Es ist der Mangel an innerer Zufriedenheit, der die Menschen zu Sklaven unerfüllter und damit vergeudeter Zeit macht, in der Konsum alles und das, was uns Menschen tatsächlich ausmacht, nichts ist. 

Helga König

Samstag, 13. Januar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 14.1.2018

"Die Ignoranten sind die Lieblinge der Großen." Molière (14.1. 1622 – 1673) 

Der Verfasser obigen Zitates wurde vor 396 Jahren geboren. Der berühmte französische Dichter Moliere schrieb nicht nur Komödien, sondern war zudem Schauspieler und Theaterleiter. Als Sohn eines königlichen Kammerdieners besuchte er das Collége de Clermont und erhielt dort eine humanistische Ausbildung. Danach studierte er Rechtswissenschaften in Orléans und gründete als Einundzwanzigjähriger seine erste Theatertruppe. Zwei Jahre später dann war er mit einer Wanderschaupieltruppe in der Provinz unterwegs und begann die ersten Stücke zu schreiben. Im Alter von 30 Jahren wurde er Direktor dieser Truppe, die ab 1658 ständig in Paris spielte. Ein Jahr später erlangte Molière seinen Durchbruch und stand mit seiner Truppe an 1665 unter dem Schutz Ludwig XIV. 

Molière hat eine große Anzahl von Sitten- und Charakterkomödien verfasst. Dabei tragen diese überzeitliche Züge, weil sie die Missstände als Sonderform menschlicher Defekte aufzeigen. 

Molieres Satz: "Die Ignoranten sind die Lieblinge der Großen" habe ich am 13.1. 2018 getwittert, um zu sehen wie die Leser im Hier und Jetzt darauf reagieren. 

Folgende Synonyme nennt wissen.de für das Wort Ignoranz: "Unwissenheit, Unkenntnis, Ignorantentum, Nichtwissen, Unerfahrenheit, Ahnungslosigkeit, Desinformiertheit, Uninformiertheit, Dummheit, Einfältigkeit". 

Für die Mächtigen, sprich für die sogenannten Großen, mag es einfacher sein, ihren Willen durchzusetzen, wenn keine Kritik laut wird, aber sie werden auf diese Weise keineswegs klüger und vorausschauender. 

Wer sich mit Desinformierten umgibt, wird auf Dauer noch rascher unfähig, Probleme rechtzeitig zu erkennen und fährt den Karren früher oder später  zielsicher an die Wand, weil er durch nichts und niemand eingebremst wird. Beispiele gibt es zuhauf sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft und in Großorganisationen. 

Der Psychologe Heiko Ernst schreibt am 12.1.2018 in spektrum.de über Forschungsergebnisse des Sozialpsychologen Dacher Keltner:

"Mächtige verhalten sich nach Erreichen der Machtposition oft so, als hätten sie ein Gehirntrauma erlitten. Plötzlich sind alle positiv-sozialen Eigenschaften wie weggeblasen, und ein impulsives, rücksichtsloses Verhalten bricht sich Bahn. Quasi von heute auf morgen verlernen Mächtige zuzuhören, sie können sich nicht mehr vorstellen, dass andere Recht haben könnten, und sie sind blind und taub für kritisches Feedback geworden. Sie scheinen die Fähigkeit verloren zu haben, andere Menschen zu "lesen", also ihre Gesten zu verstehen, ihre Gefühle zur Kenntnis zu nehmen und richtig zu interpretieren.“ *

Und an anderer Stelle weiter: "So richtig blind und taub für die Bedürfnisse und Gefühle anderer wird man erst, wenn die Macht groß und andauernd ist – nicht das schlechteste Argument für demokratische Strukturen." **

Wenn Macht also dumm macht und Dummheit bekanntermaßen Schaden verursachen kann, dann gilt es weiterhin aufzuklären, den Mächtigen ganz genau auf die Finger zu schauen und Machtpositionen sehr stark zu befristen. 

Die Grundlage von Klugheit ist die Fähigkeit, der zielgerichteten und zielführenden Überlegung. Diese scheint Machtinhabern in ihrer Position offenbar abhanden zu kommen, wie wir nun wissen. Ignoranten spiegeln zwar vortrefflich die Ignoranz dieser Mächtigen, aber sie sind wenig hilfreich beim Überwinden von Dummheit.

Merke also: Wer aufklärt, hilft Mächtigen, sie vor dem drohenden gehirntraumaähnlichen Zustand  zu bewahren, der sich nachteilig auf uns alle auswirkt.

Helga König

*+** http://www.spektrum.de/kolumne/macht-macht-blind/1531529

Samstag, 6. Januar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 7.1.2018

Im Zuge der Hexenverfolgung in der Neuzeit wurde rund drei Millionen Menschen der Prozess gemacht. In Geschichtsbüchern ist nachzulesen, dass bis zu 100 000 Angeklagte (m/w) hingerichtet wurden. Der Höhepunkt der Verfolgungswelle in Europa lag zwischen den Jahren 1550 und 1650. Im kollektiven Gedächtnis ist demnach 100 Jahre brutalster Terror hängen geblieben. Da dieser Terror zumeist klein geredet und niemals bewusst angeschaut wurde, bricht er stets aufs Neue hervor und trifft immer wieder Personengruppen, die in irgendeiner Form beneidet werden.

In der Nazi- Zeit waren es die Juden. Man neidete ihnen hauptsächlich ihre Intellektualität und ihre kaufmännischen Fähigkeiten. Ergebnis: Mord an 6 Millionen Menschen. 

Üble Nachrede im großen Stil ist seit es das Internet gibt nicht mehr nur Sache von bestimmten Medien, die damit Kasse machen, dass sie den Ruf von Menschen nachhaltig zerstören, indem sie diese - unbeeindruckt von den möglichen Folgen für die Angeprangerten -  durch ihr Halali  durch die Medienlandschaft treiben, sondern sie ist auch gängige Machenschaft niederträchtiger Trolle und Mobber, die vor lauter Neid und Missgunst schon lange ihr Gesicht verloren haben. 

Waren es vor einigen Jahren noch Doktorarbeiten, bei denen nach formalen Fehlern und Unregelmäßigkeiten akribisch Ausschau gehalten wurde, ist nun ein neues Feld entdeckt worden, das ganz ungemein ergiebig ist, um hier speziell Männern nachhaltig zu schaden. 

Anderen etwas anzuhängen ist ein typisches Verhalten von selbstgerechten Menschen, die sich pausenlos mit Dritten vergleichen, weil sie meinen, zu kurz gekommen zu sein. Es sind nicht die Fähigsten, die so handeln, wohl aber die Missgünstigsten und Neidischsten. 

Die #metoo – Kampagne, die nun in Deutschland angekommen ist, könnte sich zu einem ähnlichen Flächenbrand ausweiten wie einst die Hexenverfolgung in der Neuzeit. Auch wenn die angeprangerten Männer nicht auf dem Scheiterhaufen enden, ihre Karrieren allerdings werden mit Sicherheit nachhaltige Brüche erleiden. 

Dass sexuelle Übergriffigkeit geahndet werden muss, steht außer Zweifel. Problematisch wird es, wenn diesbezüglich immer mehr Namen in Medien auch den sozialen kursieren und der rechtsstaatliche Grundsatz der Unschuldsvermutung ausgehebelt wird. Funktioniert der Karrierebruch bei einer Person mit großem Namen erst mal  für viele erkennbar, nimmt das Anprangern Fahrt auf, in unserer Neidgesellschaft ohnehin. Die Angst wird umgehen und mit ihr wird der Frauenhass  ungeahnte Blüten treiben.

Heute noch die Filmbranche, wird es morgen Männer anderer Branchen erwischen. Überall, wo Macht im Spiel ist, kann Sexualität  natürlich ein Türöffner sein. Überall, wo Macht im Spiel ist, lässt sich leicht unterstellen, dass ein Entscheider Sex bei der Vergabe von Positionen einfordert. 

Wie soll ein Angeprangerter sich wehren, wenn das Unterstellte Jahrzehnte zurückliegt? Der Vorwurf bleibt  also an ihm hängen und wird ihm schaden. 

Aus einem vermeintlichen Täter wird so eindeutig ein Opfer. 

Das Vertrauen zwischen Männern und Frauen gerät durch solche Kampagnen auf den Nullpunkt. Das sollte allen klar sein. Für ein friedliches, aufbauendes Miteinander sind solche Kampagnen ungeeignet. 

Und erfolgreiche Frauen werden in der Folge natürlich auch angeprangert, indem man ihr  fachliches Können in Frage stellt und sie zu  Betthasen degradiert.

Helga König

Samstag, 30. Dezember 2017

Sonntagskolumne Helga König, 31.12.2017

"Nichts unter der Sonne hat Bestand." Jakob Fugger 

Mit großem Interesse habe ich dieser Tage den 2 teiligen TV- Weihnachtsfilm "Die Puppenspieler" gesehen, dessen zentrale Figur Jakob Fugger, der Reiche ist. Über ihn habe ich in der Vergangenheit einige Bücher gelesen und war neugierig, wie viel von der realen Gestalt des großen Kaufmanns in der Filmstory Platz gefunden hat. 

Albrecht Dürer hat den Augsburger Patrizier einstmals porträtiert. Das Gemälde sah ich im Original 2002 auf einer Ausstellung in Wetzlar und konnte mich von dem Porträt nicht lösen. Gut eine halbe Stunde stand ich davor und versuchte diesen Menschen, so wie er war, zu erfassen. Seine Augen faszinierten mich. Sie waren nicht nur klug, sondern schienen sich zu seinen Lebzeiten pausenlos bewegt zu haben. Man spürt, dass dieser Mann alles erfasste, dass er einfach unbeschreiblich intelligent war. 

Der Film wurde nach dem gleichnamigen historischen Roman von Tanja Kinkel gedreht und wartete mit hochkarätigen Schauspielern auf,  unter ihnen Herbert Knaup, der Jakob Fugger darstellt und seine Rolle so gut spielt, dass man meinen könnte, es handele sich tatsächlich um den Mann, den Dürer einst portiert hat. 

Erstaunlich ist, wie viele historische Fakten der Film enthält, ohne dass diese in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wurden. Dieser Platz ist offenbar den fiktiven Teilen des Films vorbehalten, denn sie bestimmen  letztlich den Lauf der Dinge.

Da ist zum einen die konvertierte, schöne Muslimin,- Fuggers einstige Geliebte- , die als Hexe verbrannt wird und zum anderen eine hübsche Zigeunerin, der ein ähnliches Schicksal droht. Beide verkörpern das Fremde, das vehement bekämpft wird, übrigens  in allen Jahrhunderten, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln. 

Hexenverbrennungen waren zu Zeiten Fuggers allerorten an der Tagesordnung. Sie in einem TV- Weihnachtsfilm zu thematisieren,  ist wirklich mutig, denn es sind Dominikanermönche, die den Hexenwahn  in "Die Puppenspieler" anzetteln. Es sind also Kirchenmänner. Doch mache man sich bewusst, es waren nicht alle so. Es waren die Psychopathen und Soziopathen unter ihnen. 

Dass verdrängte Sexualität den Menschen psychisch krank machen kann, weiß man heute. Damals wusste man es vermutlich nicht und erkannte auch nicht die Ursache der Projektionen, denen man ohnehin, sofern man sie überhaupt zur Kenntnis nahm, keinen Wert beimaß. 

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass Jakob Fugger die Hexenverbrennungen grundsätzlich ablehnte, denn er war ein Mann der Vernunft und besaß ein ausgeprägtes ethisches Bewusstsein. Letzteres wird nicht nur in seinen sozialen Projekten, wie etwa der Fuggerei deutlich, sondern in seinen gelebten Kaufmannstugenden. Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg  bedarf der Fairness. Das beweist das Beispiel Jakob Fuggers.

Fugger war gläubig und genau das hat ihn nicht hochmütig werden lassen. Ihm war bewusst, dass er mächtig und reich war, jedoch von Gottes Gnaden und ihm war es vor allem wichtig, keinem zu schaden. Das sagt er immer wieder, wie historische Überlieferungen zeigen.

Ein Neoliberaler wäre aus ihm niemals geworden.

Jakob Fugger war ein Visionär, kein Puppenspieler, wohl aber ein Drahtzieher, einer der wusste, dass man mit Geld fast alles bewegen kann, aber eben nicht alles.

Bleibt noch festzuhalten: Die fiktiven Teile haben dem Film  nicht geschadet.  Im Gegenteil. Sie sind ein legitimes Mittel  Spannung und Emotion zu erzeugen, nicht nur an Weihnachten.

Helga König

Samstag, 23. Dezember 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 24.12.2017

Vor einigen Stunden postete ich zwei Tweets. 

Sie lauten: 

"Die Grundbedingung ein Menschenfreund zu sein, besteht darin, anderen nicht schaden zu wollen. Würde jeder diese Grundbedingung erfüllen, wäre selbst der Klimawandel kein Problem mehr."

"Der meiste Schaden wird Dritten nicht durch Bosheit, sondern durch Habgier zugefügt."

Ab 1.1.2018 wird es eine neue Rubrik im Onlinemagazin “Buch, Kultur und Lifestyle“ geben. Sie heißt: "Interviews: Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz.

Erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Diese Interviews werden dann am Neujahrstag der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ähnlich wie andere Textbeiträge von "Buch, Kultur und Lifestyle" werden auch diese Interviews immer wieder in die sozialen Netzwerke gepostet, damit möglichst viele Leser neue Impulse erhalten, wie man ein sinnstiftendes Miteinander entwickeln oder optimieren kann. 

Geplant ist, das ganze Jahr über Menschenfreunde im Netz ausfindig zu machen, Sie nach ihrem Engagement in Sachen Mitmenschlichkeit zu befragen und auf diese Weise immer facettenreicher aufzuzeigen, wo überall Handlungsbedarf besteht und welche positiven Ideen es bereits gibt, die darauf warten, flächendeckend umgesetzt zu werden. 

Der konfessionelle Hintergrund eines Interviewpartners spielt bei der Befragung keine Rolle, ebenfalls nicht die nationale Zugehörigkeit und angedacht auch ist, dass  meine Gesprächspartner mit Menschenfreunden, die sie kennen, spezifische Interviews realisieren, die dann ebenfalls in die Rubrik eingebunden werden. Die Vernetzung aller, die guten Willens sind, ist ein angestrebtes Ziel.

Zu Beginn des Jahres 2017 habe ich ein Interview mit dem Autor Jürgen Schöntauf über sein sehr empfehlenswertes Buch "Sinnstifter" realisiert und durch ihn die "Wertekommission" kennengelernt, mit dessen Vorstandsvorsitzenden Sven H. Korndörffer ich einige Monate später ebenfalls ein Gespräch führen konnte, das auch auf "Buch, Kultur und Lifestyle" veröffentlicht worden ist. 

Schaut man etwas genauer hin, so stellt man fest, dass allerorten soziale Strukturen entstehen, mittels derer Menschenfreunde Veränderungen herbeizuführen suchen, die ein sinnstiftendes Miteinander in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft fördern. 

Gerade vor einigen Tagen habe ich mich mit dem "Club of Hamburg" verlinkt, der sich für einen nachhaltigen Geschäftserfolg durch ethisches Handeln einsetzt und auf Facebook sind viele Benediktiner (m/w) sehr engagiert, um den christlichen Wert der Mitmenschlichkeit täglich  für jeden begreifbar zu vermitteln. 

Die fortschreitende Digitalisierung macht es notwendig, intensiv über Wirtschaftsethik  öffentlich  zu sprechen und sich darüber klar zu werden, dass das Verdichten von Kapital in den Händen weniger zu Machtmissbrauch, zur  Zerstörung der Umwelt und zur Verelendung großer Teile der Menschheit führen kann, wenn Habgier keinen Transformationsprozess durchläuft. 

Solche Prozesse entstehen selbst bei hartgesottenen Egoisten, wenn der Zeitgeist sich ändert und sie feststellen müssen, dass ihr Handlungsspielraum immer enger wird. Damit der Zeitgeist sich ändert, müssen neue, attraktivere Ideen kommuniziert werden. Genau das ist der erklärte Zweck, der noch kleinen neuen Rubrik, die sehr rasch Fahrt aufnehmen wird, wenn alle am gleichen Strang in die gleiche Richtung ziehen und die heißt: Verwirklichung eines sinnstiftenden Miteinanders. 

Allen ein freudvolles Weihnachtsfest wünscht 

Helga König

Samstag, 16. Dezember 2017

Sonntagskolumne Helga König: 17.12.2017

Wie lernen Kinder unterschiedlicher Ethnien und  Gesellschaftsschichten am besten ein sinnstiftendes Miteinander? 

Indem sie miteinander spielen und voneinander lernen, am besten bereits im Kindergarten und im gemeinsamen Unterricht an Grundschulen. 

Kinder gebildeter Eltern lernen schon in den ersten Lebensjahren sehr differenziert zu sprechen und können damit leichter die Inhalte, die im Unterricht vermittelt werden, verstehen. Für Kinder aus bildungsfernen Schichten wird die Sprache selbst dann, wenn sie hochintelligent sind, zur schwer überwindbaren Barriere. 

Leider genügen der Unterricht in der Schule sowie das Lesen von Büchern für schichtenspezifisch gehandicapte Kinder nicht, um schon in jungen Jahren das Sprachniveau von Mädchen und Jungs aus gebildeten Schichten zu erlangen. Es ist also notwendig, dass die Kinder aus unterschiedlichen Schichten viel miteinander sprechen, damit die sprachlich Benachteiligten spielerisch den "elaborierten Code" einüben können. 

Der Nachwuchs aus gehobenen Bildungsschichten erhält die unbezahlbare Erfahrung zurück, dass ihr familiärer Status auch ein anderer hätte sein können und nicht Hochmut, sondern Dankbarkeit sie durch ihr Leben begleiten sollte. Die dünkelfreie Haltung, die aus dieser Erkenntnis erwächst, macht die Menschen sympathisch.

Selbstsüchtige Eltern, die ihren Elitestatus ihren Nachkommen problemlos sichern möchten, werden alles unternehmen, um die schichtenbedingte Sprachbarrieren unüberwindbar zu machen und werden deshalb weiterhin ihre Kleinen ermahnen "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder !". 

Solche Eltern gehen auf die Barrikaden, wenn das Lernziel "Solidarität" heißt, weil sie befürchten, dass ihren Nachkommen intellektuelle Konkurrenz erwächst. 

Noch hysterischer reagieren diese Eltern, wenn im Klassenverband ihrer Kleinen sich Migrantenkinder befinden. Dann sind sie in ihrer latenten Fremdenfeindlichkeit davon überzeugt, ihre Nachkommen würden dadurch verdummen und dazu noch sprachlos werden. 

So aber ist es nicht!

Je unterschiedlicher Menschen sind, umso mehr lernen sie voneinander,  besonders wenn man ihre Neugierde fördert. 

Wer die Gesellschaft nicht spalten möchte und wer daran interessiert ist, dass sich begabte junge Menschen, gleichgültig welcher schichtenspezifische oder ethnische Hintergrund vorliegt, später mal in unsere Gesellschaft einbringen, wird keine Probleme damit haben, allen Kindern faire Chancen einzuräumen und wird nicht der absurden Idee verfallen, dass Menschen verblöden, wenn sie von Kind an mit der Gesellschaft, wie sie sich strukturell tatsächlich zeigt, konfrontiert werden, sondern wird den frühen, für das weitere Leben vorteilhafte  Erfahrungszuwachs sofort sehen. 

Das Bildungsniveau aller wird erhöht, wenn die Tagesschule ab der 1. Klasse Pflicht wird und Kinder aus bildungsfernen Schichten oder anderen Ethnien zusätzlichen Sprachunterricht erhalten. 

Zum Bildungsniveau gehört aber auch das Miteinander. Menschen, die andere ausgrenzen wollen, verfügen selbst, wenn sie 100 Bücher und mehr gelesen haben, weder über Herzensbildung noch über ein akzeptables intellektuelles Niveau. 

Eliten, die sich abschotten möchten, sind zum Untergang geweiht. Das zeigt die Geschichte immer und immer wieder. Aus der Vergangenheit zu lernen,  heißt deshalb, Wege des Miteinanders zu suchen. Sprachbarrieren in der frühen Kindheit schon abzubauen, scheint mir dabei eine sinnstiftende Maßnahme zu sein. 

Helga König

Sonntag, 10. Dezember 2017

Sonntagskolumne Helga König, 10.12.2017

"Alles beginnt mit der Sehnsucht." Nelly Sachs (10.12.1891-12. 5.1970) 

Nelly Sachs, die Verfasserin obiger Sentenz, entstammt einer jüdischen Familie. Die deutsch-schwedische Schriftstellerin erhielt 1966 gemeinsam mit Samuel Joseph Agnon – den Nobelpreis für Literatur "für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren". Bereits ein Jahr zuvor wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.* 

Seit ihrem 17. Lebensjahr schrieb Nelly Sachs Gedichte und konnte 1921 mit Unterstützung des Schriftstellers Stefan Zweig ihren ersten Gedichtband unter dem Titel "Legenden und Erzählungen" veröffentlichen. Um der Inhaftierung in ein Konzentrationslager zu entkommen, floh die Lyrikerin mit ihrer Mutter 1940 nach Schweden, wo sie zeitweilig als Wäscherin arbeitete, um zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizutragen. 

In ihren lyrischen, dramatischen und erzählerischen Arbeiten schrieb die Nobelpreisträgerin über das Schicksal des jüdischen Volkes. Dabei ist ihre Lyrik sehr bildreich, rhythmisch bewegt und von tiefem Gefühl getragen. 

Gestern Abend noch twitterte ich zwei ihrer Sentenzen, die m. E. miteinander korrespondieren: 

"Wer im Dunklen sitzt, zündet sich einen Traum an."

"Alles beginnt mit der Sehnsucht."

Wikipedia definiert: "Sehnsucht (mhd. "sensuht", als "krankheit des schmerzlichen verlangens"[1]) ist ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die/den man liebt oder begehrt. Sie ist mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können."**

Die Portugiesen kennen den Begriff "Saudade". Dabei handelt es sich um eine bestimmte Form des Weltschmerzes, der in den "Fados" besungen und der von Sehnsucht gespeist wird. 

Wenn Situationen keinen Raum mehr für Hoffnung lassen, so wie dies einst in Konzentrationslagern für die dort Inhaftierten zumeist der Fall war, dann bleibt nur noch die Sehnsucht, der Traum also, den man im Dunkeln anzündet. Er verursacht Schmerz und lässt das reale Dunkel und die Ängste, die dies auslöst, für eine gewisse Zeit vergessen. 

Unerträgliche reale Situationen lassen sogar Todessehnsucht entstehen, sei es, um einem geliebten, verstorbenen Menschen nachzufolgen oder um Ausweglosigkeiten, welcher Art auch immer, zu entkommen. 

Menschen, die bei allem Realismus es schaffen, die Hoffnung nicht aufzugeben, können sich vor der Todessehnsucht bewahren. 

Sehnsucht, wenn sie nicht Todessehnsucht wird, kann allerdings ein Motor für viel Neues werden. So begann Nelly Sachs in dem Augenblick Gedichte zu schreiben als sie als Siebzehnjährige unglücklich verliebt war. 

"Alles beginnt mit der Sehnsucht" ist die erste Zeile eines Gedichtes von Nelly Sachs, das dem Leser verdeutlicht, das "Sehnsucht" letztlich darauf abzielt, das göttliche Licht zu finden und sich dadurch in Sicherheit zu wissen, egal was geschieht. Das göttliche Licht allein zeigt uns den Weg aus der Dunkelheit. 

Sehnsucht
Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres –
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf –
- Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,
- mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen,
und lass sie damit enden, 
Dich gefunden zu haben.***

Heute am 2. Advent brennen zwei Lichter symbolisch am Adventskranz  Sie erinnern uns  an das göttliche Licht, das alles zu erhellen vermag, selbst das tiefste Dunkel.

Helga König

*Wikipedia: Nelly Sachs
**Wikipedia: Sehnsucht

Samstag, 2. Dezember 2017

Sonntagskolumne Helga König: 3.12.2017

"Eine Gesellschaft braucht aber Normen und Spielregeln, ohne einen ethischen Minimalkonsens kann sie keinen Bestand haben." Vorwort zu "Macht und Moral" Marion Dönhoff, 2000 

An diesem Wochenende habe ich mich entschieden, ein Zitat von Marion Gräfin von Dönhoff, einer der bedeutendsten Publizistinnen der bundesdeutschen Nachkriegszeit,  meiner Sonntagskolumne voranzustellen, weil Gräfin Dönhoff  am 2.12. vor 108 Jahren geboren wurde und ich die Bücher, die diese große Ostpreußin geschrieben hat, allen, die sie noch nicht kennen, zu lesen empfehlen möchte.

Wir leben in Zeiten, in denen Regelbrüche immer häufiger als Glanzleistungen verkauft werden, weil man sie als Mittel betrachtet, um seine egoistischen Ziele rascher und erfolgreicher durchsetzen zu können. 

Wer Spielregeln einhält und insofern fair spielt, wird nicht selten in Familien, in der Wirtschaft und auch in der Politik feststellen, dass er dadurch das Nachsehen hat. Das liegt nicht an den Spielregeln, sondern einzig an den selbstsüchtigen Falschspielern, die sich nicht um diese Regeln scheren und andere bewusst täuschen, um "ihr Ding" widerstandslos durchziehen zu können.

Sich unethischen Gegebenheiten anzupassen, bedeutet an der Verkommenheit und Dekadenz der Gesellschaft mitzuarbeiten, gleichwohl dadurch ein materiell oder ansonsten irgendwie angenehmeres Leben führen zu können, so beispielsweise nicht verlacht und ausgegrenzt zu werden. Der vermeintlich Dumme wird von unfairen Zeitgenossen stets verhöhnt, weil man ihn so demütigen möchte und er wird zu guter Letzt dann sogar  als "Spielverderber" angeprangert. Das macht es nicht gerade attraktiv, fair zu bleiben.

Man muss sehr stark und innerlich gefestigt sein, wenn man sich zu einem unverbrüchlichen NEIN zu unethischem Treiben entschließt und geht besser zeitig seiner Wege, bevor man sich an brachialen Egotrippern aufreibt, die als Mitglied unethischer Gruppierungen zumeist am längeren Hebel sitzen. 

Gräfin Dönhoff hat Recht, wenn sie schreibt, dass eine Gesellschaft, ohne ethischen Minimalkonsens keinen Bestand hat. Die nationalsozialistische Gesellschaft hat dies sehr deutlich bewiesen. Wie schon erwähnt, auch Familien ohne ethischen Minimalkonsens zerbrechen, weil sie zu Orten perversen Hauens und Stechens verkommen. Genau dies geschieht in jüngster Zeit immer häufiger wie man allgemein beobachten kann. 

Wer allerdings "Nach-mir-die Sintflut" denkt, dem ist es eben einerlei, was nach ihm sein wird. Er versucht zu seinen Lebzeiten möglichst straflos alle Spielregeln zu brechen, wenn dies nützlich für ihn sowie die Seinen ist und fordert Einhaltung von Normen immer für dann ein, wenn sie ihm Schutz bedeuten. 

Der Neoliberalismus hat die alte Verkommenheit der Nazi-Zeit wieder gesellschaftsfähig gemacht. Was dies zu bedeuten hat, erleben wir täglich. Wir sollten uns auf ein gemeinschaftliches NEIN zu Norm- und Regelbruch in demokratischen Gesellschaften einigen und uns stattdessen für faire Normen und Spielregeln stark machen, als jenen das Feld zu überlassen, die uns abermals ins Chaos zu stürzen suchen. Dann brauchen wir auch nicht unsere Koffer zu packen, weil Terror das Leben  vor Ort unerträglich gemacht hat.


Helga König

Sonntag, 26. November 2017

Sonntagskolumne Helga König: 26.11.2017

"Eine Eiche und ein Schilfrohr stritten über ihre Stärke. Als ein heftiger Sturm aufkam, beugte und wiegte sich das Schilfrohr im Wind, um nicht entwurzelt zu werden. Die Eiche aber bleibt aufrecht stehen und wurde entwurzelt." Aesop, um 550 v. Chr. 

Gestern hat der Autor Raimund Schöll, dessen Buch "Alltagsfluchten" ich vor kurzem auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert habe, obigen Text des griechischen Fabeldichters Aesop auf Twitter gepostet. Als ich den Tweet las, entschied ich mich spontan, im Rahmen einer Kolumne zu hinterfragen, was der alte Grieche dem Leser hier eigentlich mitteilen möchte. 

Der Dichter Aesop wurde erstmals bei Herodot im 6. Jahrhundert erwähnt. Er soll als Sklave nach Samos gekommen sein und wurde dort von seinem Herren aufgrund seines Esprits freigelassen. Laut Plutarch wurde Aesop Opfer eines Justizirrtums und ist in Delphi ermordet worden. 

Äsopische Fabeln sind mythische oder auch weltliche kurze Erzählungen, die als Gleichnis in Erscheinung treten. Dabei werden Pflanzen oder Tieren menschliche Eigenschaften bzw. Verhaltensmuster zugeschrieben, um diese zu demaskieren. 

Ist es ein Ausdruck von Stärke, sich wie Schilfrohr im Wind jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, um auf diese Weise, egal was ist oder kommt, möglichst zu überleben? 

Gibt es nicht Situationen, die es erforderlich machen, für seine ethische Grundhaltung sogar mit seinem Leben einzustehen? 

Ist ein Mensch nicht gerade dann innerlich stark, wenn er aufrecht wie eine Eiche zu seinen Positionen steht und billigend in Kauf nimmt, dass er dadurch mit vielen Nachteilen, vielleicht sogar mit seinem Tode rechnen muss? 

Waren eine Sophie Scholl und all jene Märtyrer in der Menschheitsgeschichte, die sich dem Bösen widersetzten, einfach nur dumm oder doch eher die klügsten und innerlich stärksten Persönlichkeiten, die die Menschheit hervorbrachte? 

Despoten in allen Jahrhunderten schätzen Menschen, die sich wie Schilfrohr im Wind anpassen, denn solche Menschen lassen sich für jede Schandtat als willige Helfer einsetzen. Ein Mensch, der fest in seinen ethischen Grundsätzen verwurzelt ist, wird es darauf ankommen lassen, weil er weiß, dass der Verrat dieser Grundsätze ihn entseelen würde. 

Wer seine ethischen Grundsätze verrät, um sich am Trog eines Despoten aufzumästen, verliert das, was einen Menschen zu einem innerlich starken Menschen macht: die Persönlichkeit. 

Gottlob gibt es immer wieder innerlich starke Persönlichkeiten, deren Spiritualität, Überzeugung und Selbstaufopferung weltweit Anerkennung finden. Der Inder Mahatma Gandhi,  ein gläubiger  Hindu, hatte in London Jura studiert, bevor er die Idee des zivilen Ungehorsams entwickelte und  Kampagnen gegen die Ungerechtigkeiten der Briten in Indien organisierte. Gandhi praktizierte Gewaltlosigkeit und wurde 1948 ermordet. 

Auch der britische Lordkanzler Thomas Morus, der zu seinen Lebzeiten unbeugsam für humanistische Werte eintrat, wurde ermordet und ich könnte noch Hunderte dieser vorbildlichen Persönlichkeiten (Eichen) aufzählen, die innerlich nicht zerbrachen bei all den Stürmen, denen sie äußerlich ausgesetzt waren und die ihnen nicht selten Folter und den Tod brachten. 

Ein innerlich starker Mensch überlebt, selbst wenn er scheinbar entwurzelt, anderen Räumen entgegengeht. Das unterscheidet ihn vom Personen, die eigenständiges Gehen verlernt haben und sich von anderen stets nur feige oder vorteilsdenkend in Richtungen treiben lassen, in denen sie  innerlich verkümmern.

Helga König

Samstag, 18. November 2017

Sonntagskolumne Helga König: 19.11.2017

"Leute, die für alles Verständnis haben, bieten keinen Halt." 

Der Designer Wolfgang Joop, der dieses Wochenende seinen 73. Geburtstag feiert, ist der Verfasser des obigen Zitates, über das es sich lohnt, nachzudenken. Stimmt das, was er hier sagt? 

Wer für alles Verständnis hat und dieses auch zeigt, mag zwar dennoch vielleicht Grenzen formulieren, doch kaum einer hat mit Konsequenzen zu rechnen, wenn diese Grenzen übertreten werden, weil der Verständnisvolle stets eine Erklärung parat hält, wieso und warum, der andere die Grenzen überschritten hat und sich dann schwer tut mit eventuell notwendigen Sanktionen. Der Grenzüberschreiter (m/w) freut sich, wenn er bei allem noch getröstet wird und macht jenen, die sich korrekt verhalten, eine lange Nase. 

Bei Kindern ist offen gezeigtes Verständnis für Fehlverhalten besonders fatal, weil der Raum, mit dem sie konfrontiert werden, auf diese Weise endlos erscheint und sie keinen Halt mehr finden. So lernt das Kind nicht konsequent mit seinen Affekten und Begehrlichkeiten umzugehen, diszipliniert zu sein und grundlegende Kulturtechniken einzuüben. Das hat dann zumeist verheerende Folgen, nicht erst im späteren Leben. 

Wer Verständnis hat, sollte dieses nicht immer zeigen und zwar, um Dammbrüche bei denen zu verhindern, die sich aufgrund der verständnisvollen Haltung immer mehr herausnehmen. So entstehen beispielsweise kleine Tyrannen, die in Familien für viel Kummer sorgen und erst an Haltlosigkeit gewöhnt, auch später im Beruf und im gesellschaftlichen- sowie im Privatleben stets aufs Neue ausloten, ob sie auf Menschen stoßen, die für ihr immer ausgeprägteres egoistisches Verhalten exkulpierendes Verständnis aufbringen. 

Für jedes Verhalten, auch für jedes Fehlverhalten gibt es Gründe und je mehr man sich mit Psychologie befasst, umso klarer wird, wieso ein Mensch sich in irgendeiner Weise verhält bzw. fehlverhält. Verstehen bedeutet aber noch lange nicht, entschuldigendes Verständnis aufzubringen. 

Bewusst muss uns sein, dass Verständnis nicht dazu führen kann, Haltlosigkeit zu forcieren, denn auf diese Weise entwickeln sich nicht nur kleine Tyrannen, sondern später dann auch Psychopathen und Verbrecher. 

Das Verständnis wird, wenn man in dessen Folge alles zulässt, vom Haltlosen (m/w) als innere Schwäche interpretiert. Der Haltlose (m/w) lebt einerseits, wo er nur kann, seine Haltlosigkeit aus, sucht aber zugleich verzweifelt nach Halt und gerät nicht selten an dubiose Menschen, die ihm das vermitteln, was ihm als Kind und auch späterhin verwehrt wurde: Glasklare Grenzen. 

Spieler wissen das ebenso, wie Haltlose, die in Sekten oder mafiöse wie auch rechtsradikale Kreise geraten sind. 

Speziell die Verantwortungslosigkeit eines Menschen hat ihren Ursprung leider allzu oft in zu viel gezeigtem Verständnis eines Erziehungsberechtigten in jungen Jahren. Im Grunde spiegelt der Verantwortungslose die Verantwortungslosigkeit des Erziehungsberechtigten, die darin besteht, keinen Halt gegeben zu haben. 

Um einer aufrichtiger, gradliniger Mensch zu werden, benötigt ein Mensch als Kind Vorbilder und er benötigt vor allem Halt, um neugierig  seinen Raum zu erkunden und ihn ethisch zu definieren.

Der Philosoph Kant sagte "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt". Genau das muss jeder Mensch neu erlernen. Hat er dies begriffen, hat er seinen Raum ethisch definiert und  damit die Grundlage für ein positives Miteinander geschaffen.

Helga König