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Samstag, 24. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 25.6.2017

"In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst." (Torsten Wirschum)

Der saarländische Autor Torsten Wirschum, einer meiner Twitter- und Facebook-Follower, erfreut sein Netzwerk mit sehr einfühlsamen Fotos, die er auf seinen Wanderungen durch unterschiedliche Regionen in Deutschland realisiert hat. Heute Morgen nun postete er eine Aufnahme von einem geheimnisvollen Waldweg und fügte den Satz hinzu "In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst."

Diese Bemerkung macht neugierig. Man möchte Näheres über den Autor und Fotografen in Erfahrungen bringen, dem es offenbar um weit mehr geht, als um Bewegung in frischer Luft und das Ablichten dessen, was er während seiner Exkursionen sieht.

Macht man sich auf seinem Twitter- und Facebookprofil kundig, erfährt man, dass der Autor Blogger ist und dort ein "Wandertagebuch"  schreibt. Seine Texte überraschen, weil sie voller Poesie sind.

"Das grünlich schimmernde Licht auf den Blättern.
Das helle Gelb, dort, wo die Sonnenstrahlen sich im
Gras verfangen.
Das rotgoldene Licht des Spätnachmittags.
Gerüche:
Der Wald, die Erde.
Ich gehe gleichmäßig.
Im sanften Wind gehe ich, durch den schweigenden Wald.
Ich atme ein.
Ich atme aus.
Kurve folgt auf Kurve, Biegung auf Biegung."

Ein solches Gehen ist Meditation und lässt tatsächlich bei sich selbst ankommen. 

"Ich bin ohne Eile unterwegs
Es ist warm, der Himmel über mir leuchtet in einem sanften,
hellen Blau und das Gehen fühlt sich so angenehm an, als
würde ich barfuß über einen Blütenteppich dahinschreiten.
Es hat schon unbehaglichere Anfänge auf meinen Wanderungen gegeben.“

"Meine Gedanken kommen und gehen und ich versuche
nicht zwanghaft, sie festzuhalten. Kaum jemals sonst
bin ich mehr im Hier und Jetzt verwurzelt als bei einer
solchen halb ziellosen Bewegung auf einen noch fernen
Endpunkt zu, aber so etwas kommt von selbst oder es kommt
gar nicht.
Man kann es vielleicht auch so ausdrücken: Ich gehe nicht,
um etwas zu finden. Wenn überhaupt, dann finden die Dinge
mich."

Während ich diese Zeilen lese, denke ich an einen buddhistischen Mönch, denke aber auch an Goethe, Heine und all die anderen bewussten Wanderer vergangener Zeiten, die in wohlgesetzten Worten oder Bildern ihre Reiseeindrücke festgehalten haben, nicht zuletzt auch Albrecht Dürer, dessen nahezu lyrische Aquarelle offenbaren, was er auf seinen Reisen empfunden hat. 

Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist und immer wieder bewusst innehält, schaut, bewundert und darauf achtet wie alles auf uns wirkt, lernen wir zu begreifen, wie sehr wir Teil der Natur sind und weshalb wir sie nicht mit Füßen treten dürfen. 

Torsten Wirschum hat eine gewisse Anzahl Romane über das Gehen auf seinem Blog aufgelistet, darunter auch die "Harzreise" von Heinrich Heine und Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg." Die Reflektionen dieser längst verstorbenen Schriftsteller verändern ganz gewiss den Blick beim Gehen.  

Worin unterscheidet sich das "Wandern" eigentlich vom "Gehen"? 

Wandern sei eine Form weiten Gehens von mehreren Stunden, liest man bei Wikipedia. Diese sachliche Definition führt weg von dem Vorurteil, das mit der typisch deutschen Wanderlust in Verbindung gebracht wird, die sehr weit entfernt vom meditativen Gehen angesiedelt ist.

"Gehen über mehrere Stunden als Ankommen bei sich selbst zu begreifen", bedeutet ganz gewiss alleine oder schweigsam zu zweit oder mehreren, sich alles andere als im Marschschritt zu bewegen, am besten entlang eines Flusses oder um einen See, vielleicht auch irgendwo am Meer oder dort, wo viel Grün zu sehen ist. Was man sieht, muss beruhigen, wenn Gehen zum meditativen Akt werden soll.

Landschaften so zu erfassen, wie sie gedacht sind und zu erspüren, was sie mit uns machen, ist möglicherweise das Geheimnis, das man erst beim stundenlangen Gehen lüften kann. 

"Die Sonne leuchtet die Landschaft bis in den allerletzten
Winkel aus. Alles wirkt plötzlich unglaublich weit und
ich bin mittendrin in dieser leuchtenden Weite."

Stundenlanges Gehen lässt möglicherweise die leuchtende Weite in uns begreifen, die Grundlage dafür ist, das sich innere äußere Bilder ergänzen. 

"Ich durchforsche nicht etwa bewusst die Katakomben meiner
Erinnerungen, die Bilder leuchten einfach auf hinter meiner Stirn wie Lichtbündel im Dunkel."

Das ist ein Einblick in die Poesie eines Menschen, der durch seine Art zu gehen, an jene erinnert, die vormals als Pilger unterwegs waren. Doch im Unterschied zu diesen Wanderern scheint bei Torsten Wirschum der Weg das Ziel zu sein.

Helga König

Zitate: Torsten Wirschum  von seinem Wandertagebuch

Sonntag, 11. Juni 2017

Helga König, Sonntagskolumne, 11.6.2017

"Ein Bild ist weit nützlicher als tausend Worte." (Aus China) 

Heute möchte ich mich im Rahmen meiner Sonntagskolumne mit Emojis befassen, die u.a. Twitter aber auch Facebook ihren Usern zur Verfügung stellt, um Sprach- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. 

Jene Bildschriftzeichen, die Smileys und Personen zeigen, eignen sich sehr gut dazu, einen Gefühlszustand rasch zu vermitteln und dem Leser visuell zu verdeutlichen, welche momentane Stimmungslage einem Text, den man gerade gepostet hat, zugrunde liegt oder wie ein Kommentar, den wir erhalten haben, auf uns wirkt. 

Oft sagt ein lächelndes Gesicht oder dessen Gegenteil mehr als Worte und verhindert aufkommende Aggression, die sich in Zynismus, Vorwürfen, Beschimpfungen etc. in den Dialogen ausdrücken kann, sei es weil im virtuellen Gespräch Sätze missverstanden wurden oder ein Schreiber einfach nur einen schlechten Tag hatte.

Es sind nicht nur Gesichter, sondern auch Bildschriftzeichen für Hände, die man im Dialog sinnstiftend einsetzen kann, sondern auch Emojis, auf denen andere Gesten dargestellt werden, die für Lebendigkeit im virtuellen Gespräch sorgen und  Grundbedürfnisse nach Geborgenheit, Zuwendung und Verständnis virtuell vielleicht ein wenig befriedigen. 

Alle Welt spricht von sozialen Kompetenzen, die es zu kultivieren gilt. Freundlichkeit ist eine der wichtigsten Kompetenzen in diesem Bereich und unumgänglich für ein gutes Miteinander. Mangelnde Unterstützung und fehlender Zusammenhalt lassen Gemeinschaften aller Art zerbrechen. Ein positives Feedback ist nicht nur in den sozialen Medien wichtig, um dies zu verhindern. 

Deshalb verhält man sich keineswegs kindisch, wenn man ein Blümchen, ein Kleeblatt oder eine Sonne aber auch ein Herz an einen Text anfügt, um dadurch bei anderen uneigennützig Freude zu bewirken. 

Weibliche User gehen vielleicht etwas unbefangener mit den Emojis um. Möglicherweise hängt dies mit ihren Jungmädchen-Erfahrungen mit Poesiealbum-Bildern zusammen. Auch damit konnte man einst Freude bewirken und war glücklich, wenn dies gelang. 

Eine Kommunikation gilt dann als geglückt, wenn sie Freude zum Ergebnis hat, selbst nach hartem intellektuellen Ringen im Rahmen eines schwierigen Gesprächs. Das wird leider zu oft vergessen. 

Helga König

Sonntag, 4. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 4.6.2017

Ein Geist auf Zeit, der Zeitgeist. © Franz Friedrich Kovacs 

Heute am Pfingstsonntag möchte ich über den Geist auf Zeit, sprich den Zeitgeist nachdenken. Bei ihm handelt es sich um die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters. Wer schon etwas länger lebt, hatte Gelegenheit, immer neue Denk- und Fühlweisen kennenzulernen, die gesellschaftsübergreifend und auch in unterschiedlichen Generationen erkennbar, zu immer neuen Verhaltensmustern führten. 

Der Zeitgeist im Nationalsozialismus wird uns Nachgeborenen stets fremd bleiben und wir werden beim Reflektieren der Folgejahrzehnte feststellen, dass der Zeitgeist letztlich fast bis ins Jetzt hinein an unterschiedlichen Orten sehr verschieden ausfallen konnte, deutlich erkennbar in den Zeiten vor der Wende in Ost- und Westdeutschland. Erst das Internet hat den Zeitgeist tatsächlich globalisiert.

Zeigt sich der Zeitgeist aus längst abgelebten Zeiten abermals, kann er durchaus bei Ewig-Gestrigen noch Eindruck schinden, sorgt jedoch ansonsten zumeist nur für irritiertes Kopfschütteln. Dies ist keineswegs bloß in der Mode so, sondern auch in der Politik und vielen anderen Denk- und Handlungsbereichen von uns Menschen. 

Gestern twitterte ich "Unser Zeitgeist: Der Versuch, einem Gedanken nur 140 Zeichen Raum zu geben, heißt dem Barockenen abgeschworen zu haben." Peter Darth kommentierte "ohne Schnörkel" und brachte es auf den Punkt. 

Ja, wir leben in einer schnörkellosen Zeit, in der man bemüht ist, alles zu vereinfachen, um Freiräume zu schaffen für all das, was das Leben lebenswerter machen könnte. Wir unterwerfen uns keinen Modediktaten mehr und sind genervt, wenn uns Redner mit Reden ohne Inhalt die Zeit stehlen möchten. Auch wagen wir es nicht mehr, lange Briefe zu schreiben, denn wir wissen, dass der Zeitgeist dagegen steht und solche Elaborate ungelesen im Papierkorb landen. 

So nutzen wir die Zeit zu anderem. Wir entwickeln neuerdings vielleicht ungeahnte Freude beim Fotografieren, Malen, Zeichnen, bei kunsthandwerklichen Tätigkeiten, beim Gärtnern, Musizieren oder auch beim Verfassen von Gedichten und entziehen uns, den Sinn der Kreativität entdeckend, dem momentanen Zeitgeist, der alles Individuelle an uns abschleifen möchte, um uns zu suchtgesteuerten Lemmingen der Konsumgesellschaft zu machen. 

Dieser Zeitgeist, der den Narzissmus und Egoismus befördert hat, verabschiedet sich übrigens gerade. Man sieht den neuen Zeitgeist bereits am Horizont. Er ist auf  Gestalten, Teilen und Kollaborieren, auf Mitgefühl und Anteilnahme ausgerichtet. Er achtet auf die Individualität des Einzelnen, die durch das Sein und nicht mehr durch das Haben definiert wird. Gehen wir nun etwa dem Paradies entgegen?

Nein. Machen wir uns nichts vor, auch dieser Zeitgeist wird vergehen. Das entspricht seiner Natur, die Veränderung heißt. 

Fontane konstatierte einst, dass Veränderung das Los des Lebens sei und Machiavelli formulierte: "Eine Veränderung bewirkt stets eine weitere Veränderung." So tickt der Zeitgeist eben. Deshalb sollten wir uns nachstehenden Satz Dalai Lamas bewusst machen: 

"Da alles ständig im Wandel ist, kann nichts auf Dauer unverändert existieren." © Dalai Lama

Den Sinn all dessen können wir nur deuten.Vielleicht liegt er im inneren Wachstum begründet. Vielleicht ist es aber auch nur eine Spielerei des Universums...

Nehmen wir also hin, was nicht zu ändern ist: DIE VERÄNDERUNG und verändern das, was zu ändern ist: ein unschöner ZEITGEIST. 
  
Helga König

Samstag, 27. Mai 2017

Sonntagskolumne, Helga König, 28.5.2017

"Höflichkeit ist ein Merkmal eines zivilisierten Menschen." Unbekannt 

Zum Thema Höflichkeit findet man im Internet unzählige Zitate, die dem Leser verdeutlichen, dass Menschen sich schon seit vielen Jahrhunderten mit dieser Tugend befassen. Geprägt ist sie durch soziale Normen und Umgangsformen und äußerst sich nicht selten in rücksichtsvoller Distanz.

Historisch entwickelte sich die Höflichkeit im Prozess der Zivilisation (Norbert Elias) im spätmittelalterlichen Übergang zur Neuzeit, zunächst bei Hofe. Dort wurde die Rohheit und Gewalttätigkeit des Feudaladels zur höfischen Courtoisie des Hofadels gebändigt.* 

Wie verhält man sich, wenn ein Mensch sich unsäglich rüpelhaft gebärdet? Rügt man ihn? Oder sieht man besser über das unkultivierte Verhalten hinweg? Vermutlich hängt die Antwort von den jeweiligen Machtverhältnissen ab und auch davon, ob man es mit einem Psychopathen, Narzissten oder dergleichen zu tun hat, also mit einem Persönlichkeitsgestörten, der selbst die leiseste Kritik nicht vertragen kann und unberechenbar reagiert. Ist Schweigen dann ein Wegducken aus Furcht vor den Konsequenzen?  

In vormaligen Zeiten hatte nur ein Hofnarr das Privileg, Kritik zu üben. Den derzeit mächtigsten Mann der Welt "in den Senkel" zu stellen und ihn wachzurütteln, sich doch bitte mal zivilisiert zu verhalten, nicht zu Rempeln und den Pfau zu geben, empfehle ich keinem in dessen Dunstkreis, noch nicht einmal einem Hofnarren, denn selbst eingeschränkte Humorakzeptanz, bedarf gewisser Voraussetzungen. 

Duško Marković, der Premierminister von Montenegro verfügt übrigens über ein geradezu beeindruckend höfliches Verhalten, denn unbeeindruckt von der brachial wirkenden Geste Donald Trumps in Brüssel, sich einen Weg zu bahnen, blieb Markovic charmant. Montenegro, das sollte man wissen, ist Mitglied der Vereinten Nationen, der WTO, der OSZE und des Europarates. Zudem ist Montenegro Beitrittskandidat der Europäischen Union, nutzt den Euro als Währung und ist ab dem 5. Juni 2017 das 29. und jüngste Mitglied der NATO.**

Markovic war klar, dass die Rempelei nicht ihm persönlich galt. Vermutlich wäre es keinem anderen Premierminister, der Trump im Weg gestanden hätte, anders ergangen. Hätten alle so höflich und zuvorkommend reagiert wie der 59 jährige Jurist? Wir wissen es nicht. Markovic tat es spontan und augenscheinlich nicht aus Berechnung, wie man auf dem Clip, der in den sozialen Medien kursiert, erkennen kann. Das lässt ihn zu einem Sympathieträger aufgeklärter, europäischer Kultiviertheit werden.

Was treibt einen erwachsenen Menschen dazu, sich nicht um Contenance zu scheren und sein Umfeld immerfort zu brüskieren? Ein unhöflicher Mensch dokumentiert, dass er andere wenig achtet. Man findet dieses Phänomen nicht selten bei einem bestimmten Typus des Neureichen. Diesem Typus brennt die Sicherung aufgrund seines Geldes früher oder später durch. Die Folge ist, dass er mit den allseits bekannten Statussymbolen protzt und sich zum Despoten entwickelt, was für einen höflichen, gebildeten, dabei durchaus nicht unbegüterten Menschen undenkbar ist. Respekt und Zurückhaltung sind nicht grundlos Prinzipien der britischen Internatserziehung.  

An gewissen spektakulären Plätzen auf der Welt hat man Gelegenheit  das Verhalten von besagten Neureichen, denen Geld alles und Bildung kaum etwas wert ist, ausgiebig zu studieren. Schaut man sich die Kopfhaltung aller genauer an, so fällt stets der arrogant hochgerissene Kopf, das nicht selten vorgeschobene Kinn oder alternativ der motzige Gesichtsausdruck  als sehr unangenehm auf und man fragt sich, weshalb die Leute trotz ihres Geldes so wenig gelassen sind? 

Wenn im Elternhaus der Wert des Geldes höher bemessen wird als der der Bildung, besteht die Gefahr, dass die nächste Generation geistig unreif und "ungehobelt" bleibt und Geld die Personen je nach Menge bis zum Platzen aufbläst. Die Folge sind Arroganz und Hochmut als ein Zeichen von geringem Selbstwert. 

Jean Rostard schreibt, dass Arroganz das Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes sei. Das gibt zu denken. Um im Umfeld von wohlerzogenen Menschen unhöflich zu sein, bedarf es vor allem der Ignoranz und/ oder Arroganz. 

Wir wissen, dass sich Narzissten extrem rücksichtslos verhalten können. Sie verfügen über ein extrem mangelndes Selbstwertgefühl und haben eine starke Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Ihr übertriebenes Selbstbewusstsein nach außen begeistert jene, die sie spiegeln und führt leider dazu, dass innerlich schwache Menschen Narzissten aufgrund des Pfauengehabes und der vermeintlichen Durchsetzungsfähigkeit (alles wegzurempeln oder alternativ wegzumobben) bewundern. 

Wer über Rücksichtnahme in Ellenbogengesellschaften sprechen möchte, sollte dies am besten mit einer Parkuhr tun. Sie antwortet vielleicht höflich…. 

Rüpeln und Rempeln sind Zeitgeistphänomene. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass im Neoliberalismus dem Geld mehr Wert als der Bildung beigemessen wird und nicht die Weisheitslehrer, sondern neureiche Milliardäre die eigentlichen Idole verkörpern.


Helga König


Sonntag, 21. Mai 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 21.5.2017

"Kein Ding schwächt die Vernunft mehr als Unlauterkeit." Albrecht Dürer (21.5.1471 - 1528)

Heute vor 546 Jahren wurde der Maler Albrecht Dürer geboren. 
Zwei Bücher, die sich mit ihm und seinen Werken befassen, habe ich in den letzten Jahren auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert. 

Anbei die Links: 

Meine heutige Sonntagskolumne möchte ich nicht Dürers Leben und seinen Werken widmen, weil ich mich nicht wiederholen will. Stattdessen möchte ich mich mit seiner Sentenz "Kein Ding schwächt die Vernunft mehr als Unlauterkeit" gedanklich befassen.

Über die Vernunft haben zahlreiche Philosophen im Laufe der Jahrhunderte viel nachgedacht. Wikipedia lässt den Leser wissen: "Vernunft bezeichnet in seiner modernen Verwendung die Fähigkeit des menschlichen Denkens, aus den im Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfassten Sachverhalten universelle Zusammenhänge der Wirklichkeit durch Schlussfolgerung herzustellen, deren Bedeutung zu erkennen, Regeln und Prinzipien aufzustellen und danach zu handeln."*

Gibt man den Begriff "unlauter" bei Google ein, so findet man beispielsweise im Woxikon sechzehn Definitionsmöglichkeiten, die jeweils breit spezifiziert verdeutlicht werden. Bei den Möglichkeiten handelt es sich um: "hintenherum, betrügerisch, falsch, lügnerisch, unwahrhaftig, illegal, liederlich, boshaft, ehrlos, unredlich, ungetreu, unehrlich, heuchlerisch, verborgen, doppelzüngig und scheinheilig.**

Dass unvernünftige Menschen ohne ethisches Bewusstsein problemlos alle unlauteren Mittel einsetzen, um ihre Unvernunft aufgrund egoistischer Hoffnungen auszuleben, steht außer Frage und man weiß auch, dass die Folgen zumeist verheerend sind.

Weshalb aber handeln manche vernunftsorientierte Menschen, denen die Folgen unvernünftigen Handelns durchaus bewusst sind, plötzlich unlauter? Was macht solche Personen blind für die unerquicklichen Konsequenzen? Ist es die Hoffnung durch Unlauterkeit  kurzfristige Vorteile zu erlangen, die ihnen ansonsten verwehrt sind? Sind ihnen diese zeitlich eng begrenzten Vorteile wichtiger als die durch Unvernunft drohenden langfristigen Folgen?  Macht genau diese Hoffnung blind für die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintreffenden tatsächlichen Konsequenzen? Fast scheint es so.

Dabei muss der Vorteil keineswegs ein materieller sein. Beziehungssucht beispielsweise kann Vernunft ebenfalls aushebeln und unlautere Handlungsweisen befördern. Nicht nur Krimileser wissen das.

Ich teile Dürers Meinung, dass kein Ding die Vernunft mehr schwächt als Unlauterkeit. Vernunft ist ein Garant für Frieden. Vernunft und Unlauterkeit schließen einander aus. Da gibt es nichts zu deuteln.

Helga König

Sonntag, 14. Mai 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 14.5.2017

"Gefährlich sind vor allem die Menschen, deren Herz kleiner ist als der Verstand." (Markus Köppl)

Um den Wahrheitsgehalt dieses bemerkenswerten Satzes von Markus Köppl zu überprüfen, sollten wir zunächst schauen, wie die einzelnen Begriffe definiert sind. 

Fangen wir mit dem Begriff  "Verstand" an. Der Philosoph Rudolf Eisler definiert: "Verstand (logos, epistêmê, intellectus, intelligentia, ratio, entendement, understanding) ist im weitern Sinn die Denkkraft, die Intelligenz gegenüber der Sinnlichkeit, im engeren, gegenüber der Vernunft (s. d.), die Einheit, Fähigkeit des geistigen Erfassens, des (richtigen) Begreifens (Abstrahierens) und Urteilens, kurz des beziehend-vergleichenden, analysierenden Denkens, sowie des »Verstehens«, d. h. des Wissens um die Bedeutung der Worte und Begriffe. »Gesunder Verstand« (»bon sens«) ist die natürliche (schon ohne besondere Ausbildung wirksame) Auffassungs- und Beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende Denken.“* 

Das Herz dient sowohl als Symbol direkt, als auch über den Umweg der Metapher des menschlichen Herzens und steht im Zusammenhang mit den europäischen Ideale für Güte und Liebe.** 

Gefährlich ist eine Situation oder ein Sachverhalt, der zu einer negativen Auswirkung führen kann. Diese negative Auswirkung einer Gefährdung kann Personen, Sachen, Sachverhalte, Umwelt oder Tiere betreffen.*** 

Dass Menschen, denen es an Empathie mangelt, gefährlich sein können, steht außer Frage. Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.****

Wie ist es möglich, dass ein Mensch, der über Verstand verfügt, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale nicht erkennen und verstehen kann, wenn sein Herz kleiner ist als sein Verstand? 

Spontan fällt mit hier ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry ein. Er schrieb in seinem Werk "Der Kleine Prinz" "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Dieser Satz verdeutlicht uns, weshalb Markus Köppls Sentenz von großer Lebensklugheit zeugt. 

Wir brauchen uns am heutigen Tag nicht all die negativen Auswirkungen für Personen, Sachen, Sachverhalte, Umwelt und Tiere vergegenwärtigen, die durch fehlgehendes Denken entstanden sind, weil Empathie nicht als gleichgewichtiges Korrelativ Gefährdung gestoppt hat. 
Es genügt, sich mit dem Muttertag zu beschäftigen, der für  fast alle Mütter nicht ohne Bedeutung ist. Die Ursprünge des Muttertags lassen sich bis zu den Verehrungsritualen der Göttin Rhea, der Göttin der Mutterschaft,  im antiken Griechenland zurückverfolgen.*****  

Gestern erzählte mir eine Mutter beiläufig in einem Gespräch, dass sie stets ein wenig traurig sei, wenn ihre erwachsenen Kinder aufgrund des Kommerzspektakels den Muttertag nicht zur Kenntnis nehmen wollen und deshalb an diesem Tag noch nicht einmal mit ihr telefonierten. Dies habe ich schon oft von Müttern aus unterschiedlichen Generationen gehört und dabei wahrgenommen, dass all diese Mütter verletzt waren, nicht zuletzt, weil die berechtigte Weigerung am Kommerz teilzunehmen ja keineswegs heißen muss, der Mutter an dem Tag keine für sie erkennbare Achtung zukommen zu lassen. 

Meine Lehrerin in der 3. Grundschulklasse erzählte uns Schülern einst, dass sie ihrer Mutter zum Muttertag stets einen Strauß Wiesenblumen schenkte, um sich für ihre viele Mühe zu bedanken und berichtete weiter wie sehr ihre Mutter sich darüber immer gefreut habe. Die Lehrerin war damals hochschwanger und brachte am Muttertag ihre beiden Töchter zur Welt.

"Gefährlich sind vor allem die Menschen, deren Herz kleiner ist als der Verstand," denn sie können die Botschaft, die der erzählten Erinnerung der Lehrerin innewohnt, emotional nur schwer entschlüsseln. 

Schenken sie Ihrer Mutter heute ein paar schöne Stunden oder telefonieren Sie mit ihr. Zeigen Sie, dass Ihr Herz größer ist als ihre intellektuellen Bedenken. Schenken Sie Ihr Freude.

Helga König

**Herz
***Gefahr
***** Muttertag


Sonntag, 7. Mai 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 7.5.2017

"Vergessen wir nicht, dass unser Weg und unser Ziel die Liebe ist- die Liebe, die alle Lasten leicht tragen lässt, denn sie entströmt unaufhörlich den Quellen des ewigen Lichts." (Franz Liszt in einem Brief an Carolyne Sayn-Wittgenstein) 

Vorgestern postete ich kurz hintereinander drei Tweets, die zum Nachdenken anregen sollten. Diese lauteten:

"Weshalb die Frauen Casanova liebten? Weil er hinreißend intelligente Geschichten erzählen konnte und dabei charmant war.“ 

"Weshalb die Frauen Chopin liebten? Weil er ihre Seele begriffen hat" 

"Weshalb die Frauen Goethe liebten? Weil er Poesie besaß und früh schon erkennbar weise war."

Handelt es sich um Liebe, wenn man einen anderen aufgrund seiner Eigenschaften, Fähigkeiten oder Leistungen bewundert und wertschätzt oder ist Liebe doch etwas völlig anders? 

Eigenschaften sind angeboren, Fähigkeiten hingegen werden erworben und Leistungen können aufgrund von Eigenschaften und Fähigkeiten erbracht werden. 

Einen Menschen zu "lieben", weil er intelligente Geschichten erzählen kann und dazu noch charmant ist, heißt, ihn als Mittel zur Befriedigung eigener schöner, kurzweiliger Stunden zu nutzen, sich aber für den Menschen, der sie uns bereitet, nicht wirklich zu interessieren. Ganz ähnlich schaut es aus, wenn wir jemand dafür "lieben", weil er Poesie besitzt und früh erkennbar weise ist. 

Was uns antreibt in einer solchen vermeintlichen Liebe ist Eigennutz. Der Mensch tritt in den Hintergrund. Wir wollen uns bereichern, durch seine Fähigkeiten und nennen es dann Liebe. Auch wenn ein Dritter durch seine Musik zeigt, dass er die Seele von uns Frauen begriffen hat, ist es erneut Eigennutz, der uns von Liebe sprechen lässt. Gemeint aber ist auch hier in erster Linie Vorteilsdenken und nicht das, was den "Quellen des Lichts entspringt". 

Wann aber lieben wir einen anderen Menschen wirklich? Wenn wir unseren Egoismus vollständig überwinden? Wenn wir vom anderen nichts erwarten, auch nicht mit ihm verschmelzen wollen? 

Was lässt Liebe entstehen, wenn wir unbeeindruckt von den Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen eines Menschen uns in diesen verlieben und sich daraus Liebe entwickelt? Vermutlich handelt es sich dann um rein seelische Anziehung, die wir nicht zu deuten vermögen und die für Dritte mitunter vollkommen unverständlich ist. 

Wenn sich Menschen, die sich eigentlich nichts zu sagen haben, weil ihre Interessen oder ihre geistigen Fähigkeiten Lichtjahre voneinander entfernt liegen und sexuelle Affinitäten auch keine Rolle spielen, dennoch viele Jahrzehnte lieben und füreinander da sind, dann gibt es für Dritte in unserer kurzlebigen Zeit viel zu staunen.

Liebende teilen ihr Leben, ihre Handlungen und ihre Gefühle, las ich kürzlich bei der Schweizer Philosophin Angelika Krebs. Das Teilen habe einen Eigenwert, der um seiner selbst willen erfolge. Das Teilen bezieht sich nicht auf einzelne Handlungen und Gefühle, sondern auf das Teilen selbst. 

Das Teilen um seiner selbst willen entspricht nicht dem momentanen Zeitgeist. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb außer Verliebtheit in unserer narzisstischen Gesellschaft kaum ein Beziehungsband möglich ist und man Verliebtheit aus Unkenntnis immer häufiger mit Liebe verwechselt. Einen anderen um seiner selbst willen zu lieben, macht erforderlich, seine Egoismen auf den Prüfstand zu stellen. 

Bei allem aber muss uns bewusst sein: "Es bleibt zwischen Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen, den nur die Liebe, und auch nur mit einem Notsteg, überbrücken kann." (Hermann Hesse) 

Diesen Notsteg zu bauen, ist unserer aller Lebensaufgabe.

Helga König

Samstag, 29. April 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 30.4.2017

"Es gibt ein Alter, in dem eine Frau schön sein muss, um geliebt zu werden. Und dann kommt das Alter, in dem sie geliebt werden muss, um schön zu sein." Françoise Sagan 

Das obige Zitat stammt von der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan. Sie ist die Autorin des Weltromans "Lieben Sie Brahms". In diesem Roman, verliebt sich ein 25 jähriger Jura-Assessor in eine 42 jährige Innenarchitektin. Paula nimmt zunächst dessen Gefühle nicht ernst und scheut den Altersunterschied. Schließlich werden Paula und Philip, - wenn auch nur vorübergehend -, ein Paar.

Weil eine Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann den damaligen Moralvorstellungen widersprach, übernahm Ingrid Bergmann die Rolle der Innenarchitektin in der gleichnamigen Verfilmung des Romans, denn sie sah die Möglichkeit durch diesen Film, die verkrusteten Moralvorstellungen in jenen Zeiten in Frage zu stellen.

Am 26.4.2017 verlinkte ich nachstehendes Video in die sozialen Netzwerke. https://de.nachrichten.yahoo.com/frankreichs-polit-jungstar-das-ist-091943106.html, das auf Facebook anschließend kontrovers diskutiert worden ist. 

Auf besagtem Video gibt der hochbegabte, französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ein Statement zu seiner Beziehung mit der um 24 Jahre älteren, attraktiven Lehrerin Brigitte Trogneux ab, die er bereits vor 10 Jahren heiratete und die für ihn der Mensch ist, mit dem er offensichtlich eine Liebes- und Freundschaftsbeziehung auf Augenhöhe leben kann. 

Liebesbeziehungen zwischen hochintelligenten jüngeren Männern und älteren Frauen hat es immer gegeben. Charlotte von Stein war 7 Jahre älter als Goethe, Mileva Einstein wurde fünf Jahre vor ihrem Mann geboren und Rainer Maria Rilke war 14 Jahre jünger als seine Geliebte Lou Andreas Salomé. 

Diese Männer haben zu Zeiten ihrer Beziehung intellektuell Vortreffliches geleistet und waren zugleich unsterblich verliebt in die Frauen, die ihnen einen Zugang zu ihren außergewöhnlichen geistigen Gaben verschafften. 

"Es gibt ein Alter, in dem eine Frau schön sein muss, um geliebt zu werden. Und dann kommt das Alter, in dem sie geliebt werden muss, um schön zu sein.“ Françoise Sagan 

Um wirkliche Schönheit ausstrahlen zu können, muss eine Frau geliebt werden und die Reife besitzen, Liebe als das, was ihr Wesen ausmacht, zu erkennen.

In wohltemperierten Beziehungen mit älteren Männern, beginnt letztlich jede Frau dahinzuwelken. Haben Sie mal die optische Veränderung einer sehr jungen Frau nach ein paar Jahren an der Seite eines älteren Mannes zur Kenntnis genommen? Sie ist mehr als aufschlussreich.

Brigitte Trogneux, hat klug gehandelt. Sie genießt es, geliebt zu werden und ist deshalb unglaublich jung und schön. Dass sie Emmanuel Macron auch viel zu geben weiß, dokumentieren dessen Aussagen, die emotionale aber auch intellektuelle Innigkeit bekunden und  dabei verdeutlichen, dass er sich bewusst ist, dass sein beruflichen Erfolg, das Ergebnis guter Teamarbeit mit ihr ist.

Letztendlich geht es um Seelenverwandtschaft und darum zu erkennen, wer für uns eigentlich gedacht ist. Emmanuel und Brigitte sind ganz offensichtlich füreinander gedacht und entsprechen dem Platon´schen Kugelmenschgedanken. Es ist eine Freude, die Harmonie die die beiden ausstrahlen, bewundern zu dürfen.

Meine Facebookfreundin Barbara Bachmann bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: "Wenn man den richtigen Partner gefunden hat, muss man die Courage haben dazu zu stehen! Wie es die Gesellschaft oder die Familie beurteilt.... ist deren Problem!

Genau so ist es, liebe Barbara.


Helga König

Samstag, 22. April 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 23.4.2017

"Würde mir alles Wissen gegeben, unter der Bedingung, es verschlossen zu halten, so möchte ich es nicht." #Seneca Brief No.6 

Diese Sentenz habe ich gestern retweetet. 

Lucius Annaeus Seneca zählte zu den Geistesgrößen des 1. Jahrhunderts n. Chr. 124 Briefe an seinen Freund Lucilius gelten als das reifste Werk dieses römischen Philosophen. 

Da mich der Gedanke Senecas heute Morgen noch immer beschäftigt hat, las ich zunächst neugierig besagten 6. Brief an seinen Freund Lucilius, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Zusammenhang Seneca den Gedanken zu Papier brachte. 

In der vollständigen Studienausgabe, die im Marixverlag erschienen ist, ist zwar in diesem Satz von Weisheit und nicht von Wissen die Rede, doch dies ist kein Grund nun zu beckmessern.

Angelesenes Wissen, Lebenserfahrungen und nicht wertendes Beobachten können, wenn wir uns bewusst damit auseinandersetzen, zur Weisheit führen. Diese anderen zur Verfügung zu stellen, ist seit Jahrtausenden Anliegen von Philosophen, Weisheitslehrern und lebensklugen Altruisten, weil Weisheit, die Lehre vom Frieden ist, dem Frieden mit sich und anderen. 

Wer Wissen für sich behalten möchte, strebt Macht an. Wissen beinhaltet nämlich Fakten, Theorien und Regeln, die sich durch den größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen, so dass von ihrer Gültigkeit bzw. Wahrheit ausgegangen wird.* Wissen, das Wettbewerbsvorteile verschafft, sei es in der Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft wird seit Jahrtausenden  gezielt unter der Decke gehalten, weil es dazu dient, Vormachtstellungen zu erreichen, auszubauen und zu erhalten. 

Das tiefgehende Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft sowie die Fähigkeit, bei Problemen und Herausforderungen die jeweils schlüssigste und sinnvollste Handlungsweise zu identifizieren** macht inhaltlich den Begriff Weisheit aus. Weisheit ist insofern eine Art übergeordnetes Wissen, das Menschen, solange sie nach Macht streben, nicht in Erfahrung bringen können. 

Weisheit beinhaltet weder die Merkmale Macht noch Gier. Sie hat alles zeitlich Begrenzte überwunden. Sie staunt, erkennt und liebt. 

Vermutlich deshalb möchte Seneca Weisheit nur dann besitzen, wenn er sie anderen weiter vermitteln kann. Dabei ist für diesen Philosophen Weisheit nichts, was ihn über andere erhebt. Er schreibt nicht grundlos an Lucilius:

"Doch wenn ich dich auffordere, zu mir zu kommen, so geschieht es nicht bloß darum, um dich zu fördern, sondern auch darum, um mich durch dich fördern zu lassen. Denn wir werden uns gegenseitig sehr erheblichen Nutzen schaffen“.

Bei allem müssen wir geduldig sein. Der Lyriker Christian Morgenstern sagt uns weshalb:

"Weisheit ist langsam". 

Vielleicht ist dies auch der wahre Grund, weshalb viele, die eilfertig nach Macht streben, der Weisheit selbst im Alter nicht begegnen. Sie haben nie gelernt, sich und ihr Leben zu entschleunigen. Auf der Überholspur ist die Weisheit nicht zuhause, soviel scheint gewiss zu sein. 


Helga König

* Wikipedia Wissen
**Wikipedia: Weisheit

Samstag, 15. April 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 16.4.2017

"Drei Dinge sind im Leben eines Menschen wichtig. Erstens: Menschlichkeit. Zweitens: Menschlichkeit. Drittens: Menschlichkeit."  Henry James (15.4. 1843 – 28.2.1916) 

Der amerikanische Schriftsteller Henry James  wurde heute vor 174 Jahren geboren. Der begnadete Erzähler wuchs in einem intellektuell anspruchsvollen, kosmopolitischen Umfeld auf, absolvierte ein Jurastudium, schrieb anschließend zunächst Rezensionen und Essays und später dann wunderbare Romane, Erzählungen und Dramen. 

Henry James ist dafür bekannt, dass er den psychologischen Realismus mit Subtilität und ästhetischer Verfeinerung zum Höhepunkt geführt hat. 

"Drei Dinge sind im Leben eines Menschen wichtig. Erstens: Menschlichkeit. Zweitens: Menschlichkeit. Drittens: Menschlichkeit." 

Der Gegenbegriff zu Menschlichkeit ist Unmenschlichkeit. Bereits Cicero erklärte, dass "[d]er rücksichtslose Mensch, der sich für andere Menschen nicht interessiert", "nicht human", sondern "unmenschlich"“ sei* 

Henry James starb zu Zeiten des 1. Weltkrieges. 1915 wurde erstmals Giftgas eingesetzt. Dass dieser Krieg den Autor zutiefst entsetzte, ist bekannt. Seine Erkenntnis, dass Menschlichkeit im Leben von uns allen am wichtigsten ist, hat seither nichts an Wahrhaftigkeit verloren. 

Überall auf dieser Erde hat sich Rücksichtslosigkeit manifestiert. Der Presse von heute entnehme ich einen Kommentar des Nordkorea-Experten Rüdiger Frank zu den drohenden Konsequenzen des Nordkorea-Konfliktes. "Am Ende wird die koreanische Halbinsel ein rauchendes Trümmerfeld mit Millionen von Leichen sein, von den geopolitischen Konsequenzen ganz zu schweigen". **

Wir erleben unmenschliches Verhalten in Syrien tagtäglich und wir wissen, dass Millionen Menschen in Nigeria, Tschad, Kamerun und Niger durch die Gewalt der Terrormiliz Boko Haram vertrieben wurden. Inhumanität überall, auch das aufgeklärte Europa ist nicht frei von  Terror, Verfolgung und Ausbeutung.

So die Lage an Ostern 2017.  Doch Ostern ist das Fest der Hoffnung.

Der Philosoph Voltaire sagte einst: "Die mächtigste Kraft der Welt ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist."

Was alles muss noch geschehen, dass sich für die Idee des Humanismus das Zeitfenster endlich vollständig öffnet und die verheerende Rücksichtslosigkeit von psychopathischen Machtmenschen und ihren Schergen für immer ihr Ende findet?

Helga König

*ZDF