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Samstag, 12. August 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 13.8.2017

"Es gibt eine einzig wahre, große Trösterin: Die Kunst." (George Sand) 

Der in Paris lebende Novellist Daniel Brami twittert täglich eine Vielzahl sehr bemerkenswerter Kunstwerke von Malern und Fotografen aus unterschiedlichen Zeiten. Welchem System er dabei folgt, lässt sich nur schwer analysieren. 

Daniels Posts machen mich oft sehr neugierig, denn nicht wenige der von ihm hervorgehobenen Künstler sind mir nicht bekannt, trotz der rund vierhundert Kunstbände, die ich im Laufe der letzten Jahre auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert habe. 

Für Künstler ist es weltweit oft sehr schwer, einen Verlag zu finden, der ihre Werke in Top-Qualität in einem Bildband zu zeigen bereit ist, weil Kunstbuch-Publikationen zumeist ein Risiko-Geschäft sind, da die Zielgruppe sich als verhältnismäßig klein und nicht pausenlos kaufbereit erweist. 

Erfreulich ist es deshalb, wenn man sich immer öfter im Internet einen Eindruck von Künstlern und ihren Werken aus aller Welt verschaffen kann. 

Heute nun postete Daniel u.a. ein Werk des chinesischen Fotografen Don Hong-Qai. Auffallend ist die hohe Ästhetik, die dessen Motivgestaltung inne wohnt. Der 2004 verstorbene Fotokünstler erlangte erst kurz vor seinem Tod die Anerkennung, die ihm gebührt. Bücher mit Werken des Fotografen scheinen bislang nicht publiziert worden zu sein, aber man kann sich auf Pinterest kundig machen und findet dort die 69 besten Aufnahmen von ihm. Über sein Leben allerdings erfährt man wenig. Don Hong-Qais Blick auf das, was er abgelichtet hat, ist auffallend liebevoll, ohne dabei schönen zu wollen. Seine Landschaftsbilder strahlen viel Ruhe aus und erzählen von einem Leben, dem Weisheit nicht fremd ist. 

Neugierig, womit sich Daniel heute zudem noch befasst hat, scrolle ich auf seiner Profilseite Bild für Bild weiter und versuche den Gedankensprung von Jamie Heiden zu Degas nachzuvollziehen. Daniel scheint Chagall und Munch, aber auch Monet und Matisse besonders zu mögen, denn er postet deren Werke öfter. 

Dann entdecke ich weitere Bilder eines asiatischen Künstlers. Es handelt sich um Werke des Japaners Masao Yamamoto. Der heute 60 jährige freischaffende Fotograf ist für seine kleinformatigen Bilder bekannt, die die fotografischen Drucke als Gegenstände individualisieren möchten. Um die Arbeiten, die Daniel gepostet hat, zu verstehen, muss man wissen, dass Yamamoto die Grenze zwischen Malerei und Fotografie verwischt, indem er mit Druckflächen experimentiert.

Während ich weiter scrolle, stelle ich fest, dass Daniel ein Frauenporträt des japanischen Künstlers Ikenaga Yasunari und ein Werk des chinesischen Malers Wu Guanzhong zudem noch hervorgehoben hat. Daniels Gedanken weilten demnach heute in Ostasien. Das kann ich gut verstehen.

Ein sehr beeindruckendes Werk der spanischen Malerin Montserrat Gudiol hat Daniel Brami übrigens schon mehrfach gepostet. Es zeigt eine sehr traurig wirkende, ratlose Frau und einen müden, erschöpften Mann, der sich an ihre Schulter lehnt. 

Für mich stehen diese beiden Menschen zur Zeit für uns Europäer, die wir ratlos auf das momentane Weltgeschehen blicken und erkennen müssen, dass uns nichts bleibt als tiefe Dankbarkeit, dass  es bei aller Unwirtlichkeit und allem Wahnsinn auf dieser Erde noch eine Oase des Friedens gibt: Die Kunst. Betrachteten wir sie als das, was sie ist, als die große Trösterin, wie George Sand sie einst nannte.    

Helga König 

Samstag, 5. August 2017

Sonntagskolumne Helga König, 6.8.2017

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)

Dieser Tage wurden in Hamburg sieben Männer aufgrund ihrer Zivilcourage geehrt. Sie haben einen Gewalttäter daran gehindert, weitere Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Der Täter hatte bereits einen Mann erstochen und mehrere Personen verletzt. 

Mir geht es bei meinen Überlegungen heute nicht darum zu reflektieren, was in dem Täter vorgegangen ist, der mit einem offenbar großen Messer willkürlich auf Kunden eines Supermarktes eingestochen hat und auch nicht um die Versäumnisse in  seinem Abschiebungsverfahren, die die Tat, hätten sie denn rechtzeitig behoben werden können, eventuell nach Norwegen verlagert hätten. Eine Vorstellung, die deutlich macht, dass dies auch kein zufriedenstellender Weg gewesen wäre, das Unheil abzuwenden. 

Des Weiteren geht es mir nicht um die religiöse Zugehörigkeit des Täters. Diese ist für die Gewalttat letztlich unerheblich, da seine Motive offenbar persönlicher Natur waren. Der Gewalttäter wollte einen persönlichen Vorteil, den man ihm nicht zugestanden hatte.

Worum es mir geht, ist die Zivilcourage der sieben vorbildlichen Männer, zum größten Teil mit Migrationshintergrund, die spontan das Risiko eingingen, verletzt oder getötet zu werden, um ihre Mitmenschen vor diesem selbstsüchtigen Idioten zu schützen. 

Es gibt sie also tatsächlich noch, diese mutigen Männer mit viel Mitgefühl, die bereit sind unter Einsatz ihres Lebens, ihre Mitmenschen vor Lebensgefahr zu bewahren  Bleibt zu hoffen, dass es weit mehr davon gibt, als man in unserer neoliberalen Gesellschaft eigentlich erwarten darf.

Die spontane Bereitschaft beherzter Menschen gemeinschaftlich aktiv werden, wenn eine Zivilperson gewalttätig wird, muss ins Bewusstsein potentieller Täter dringen. Gaffer und Amateurfilmer sind das Publikum solcher Irren, die letztlich in ihrem Tun durch die mitmenschlich untätigen Zuschauer bestätigt werden. 

Potentielle Täter müssen erkennen, dass asoziales Verhalten von der Gemeinschaft nicht hingenommen wird. Angst vor den unmittelbaren Folgen kann durchaus daran hindern, aktiv zu werden. 

Wikipedia erläutert, dass Zivilcourage, wörtlich Bürgermut, sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch civilis, 1. bürgerlich – nicht militärisch, 2. anständig, annehmbar) und courage (französisch "Mut") zusammensetzt und verweist auf den Autor Gerd Meyer, der das Buch "Mut und Zivilcourage" geschrieben hat *

Dieser unterscheidet drei Arten des Handelns mit Zivilcourage: 

1. "Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, in denen man schnell entscheiden muss, was man tut. 
2. Sich-Einsetzen – meist ohne akuten Handlungsdruck – für allgemeine Werte, für das Recht oder die legitimen Interessen anderer, vor allem in organisierten Kontexten und Institutionen, wie z. B. in der Schule oder am Arbeitsplatz. 
3. Sich-Wehren z. B. gegen körperliche Angriffe, Mobbing oder Ungerechtigkeit; zu sich und seinen Überzeugungen stehen, standhalten, sich behaupten; widerstehen, nein sagen, "aus guten Gründen" den Gehorsam verweigern.[1] 

Dies erfordert Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise mit Sanktionen durch Autoritäten, Vertreter der herrschenden Meinung oder sein soziales Umfeld (z. B. einer Gruppenmehrheit) zu rechnen hat. Als zivilcouragiert gelten auch Whistleblower, die illegale Handlungen oder sozialethisches Fehlverhalten zum Schaden der Allgemeinheit innerhalb von Institutionen, insbesondere Unternehmen und Verwaltungen, aufdecken.“**

Wie man bei Meyer unschwer erkennen kann, geht es bei Zivilcourage um weit mehr als um das Abwehren körperlicher Angriffe. 

Psychische und physische Gewalt können möglicherweise minimiert werden, wenn man sie, dort wo wie auftreten, nicht begafft, bestaunt und sensationsgeil ablichtet oder sich wegduckt, sondern sie anprangert, Betroffenen zu Seite steht und ihnen hilft. 

Die Hilfe kann auch darin liegen, sehr rasch die Polizei zu alarmieren, wenn man Schreie aus dem Nachbarhaus hört, weil dort Kinder oder eine Frau verprügelt werden. Wenn ein Verhaltensgestörter mit seinen Sockenpuppen im Internet einen Shitstorm verursacht, ist wegschauen ebenso asozial wie wenn man schadenfreudig einem Mobber in Betrieben, in Schulen oder in der Familie gewähren lässt, weil man sich Vorteile erhofft.  Das kann nicht oft genug gesagt werden, um ein Bewusstsein für asoziales Verhalten zu schaffen, das es in allen Gesellschaftsschichten gibt.

Opfer brauchen Hilfe. 

Die sieben Männer in Hamburg haben genau dies spontan gefühlt und ebenso spontan gehandelt. Es kann ihnen nicht genug gedankt werden, denn sie haben nicht nur Menschenleben gerettet, sondern gezeigt, dass es nicht bloß selbstsüchtige Idioten auf dieser Welt gibt, sondern auch Menschen, für die Humanität kein Fremdwort ist und die insofern die Not des anderen zu fühlen in der Lage sind.

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)


Helga König

*vgl:Wikipedia
**Zitat: Wikipedia